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Die Wiederkehr der Grünen Fee
Gerade noch rechtzeitig zur Linderung von Weihnachts-Depression und Jahresend-Blues kam ein Päckli aus der Schweiz – mit einem neuen Büchlein und einem zugehörigen Fläschchen: „Absinthe – die Wiederkehr der Grünen Fee“ Mit Chris Heidrich und Roger Liggenstorfer habe ich auf 94 Seiten das Wichtigste aus der bewegten Geschichte dieses „magischen“ Kräuterlikörs zusammengestellt: von seiner Entdeckung als Gesundheitselixier Mitte des 18. Jahrhunderts im Val-de-Travers im Schweizer Jura , über die Rolle als „Treibstoff“ für Künstler und Kreative des „Fin de Siécle“ bis zum Verbot Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Mythen und Legenden, die bis heute darüber erzählt werden, haben dafür gesorgt, dass Absinthe – erst seit kurzem wieder legalisiert – einmal mehr zu einem Getränk mit Kultstatus avancierte. Wobei vieles, was in den Bars als „Absinth“ angeboten wird, außer hohem Alkoholgehalt mit dem Originalgetränk wenig zu tun hat . Wie bei gutem Wein oder Cognac ist die Herkunft auch beim Absinthe entscheidend – und der beste kommt aus jenem kleinen Tal der Grüne Fee in der Schweiz, wo die Kräuter und Rezepte ein Jahrhundert Prohibtion im Untergrund überlebten.Im folgenden ein kleiner Auszug aus dem Kapitel „Absinthe - Treibstoff der Moderne“: (…)Wie auf die Maler übte die Inspiration der Grünen Fee auch auf ihre schreibenden und dichtenden Kollegen eine starke Anziehungskraft aus – zumal auf jenen ungehobelten Freak vom Lande, dessen Lyrik die Pariser Literatenszene 1871 aufmischt: Arthur Rimbaud. Zusammen mit seinem Mentor, dem Dichter Paul Verlaine, bildet er ein Duo, das fortan neben der Poesie, vor allem auf der Suche nach Exzess ist – Sex und Drogen, Haschisch und Absinthe. Über die Tatsache, dass der bewunderte Charles Baudeleaire den „Künstlichen Paradiesen“ mittlerweile abgeschworen hatte – seine Abhängigkeit von Laudanum (Opiumtinktur) hatte die Freude an Stimulantionen durch Haschisch und Absinthe überlagert und dauerhaft getrübt – ging der ‚Junge Wilde’ Rimbaud hinweg, für ihn war die „gezielte Verwirrung aller Sinne“ eine Grundkonstitution jedes wirklichen Dichters. Nachdem Verlaine im trunkenen Zustand auf ihn geschossen hatte und für zwei Jahre ins Gefängnis kam, gab Rimbaud die Literatur auf und führte ein Leben als Abenteuerer und Waffenhändler in der Südsee. In seinem letzten Brief noch befürchtet der Freak unter den Bohemiens, der Punk unter den Decadents, der Höllen- und Trunkenheits-Poet unter den Literaten auf fromm zurecht gedoped zu werden: „Hinter meinem Rücken, d.h. wenn ich tot bin, wollen sie mich auf christlich schminken. Auf dem Krankenlager fängt bereits alles an…Sie fahren einen ganzen Stoßtrupp an Sedativa auf, um das aus mir herauszubekommen: sie lassen mich winseln nach der Letzten Ölung…Dann werden sie noch dreister: ‚Msr. Rimbaud, bremsen Sie Ihre Glossolalien. Diagnose: überhöhter Genuß von Absinthe und Haschisch. Wir wissen, wo und wie sie verkehren!’ “ Verlaine seinerseits ließ sich auch von seinem „Engel“ Rimbaud nicht dazu hinreißen, etwas anderes als Absinthe zu konsumieren – Haschisch und Opium waren für ihn „Gift“; gegen Ende seines Lebens vertrat er einen mystischen Katholizismus und schwor, mit allen Symptomen des schweren Alkoholikers auf dem Totenbett, auch noch der Grünen Fee ab: Absinthe müsse „hoch besteuert werden oder sogar verboten.“ Die Bestrebungen dazu liefen 1896 schon auf vollen Touren, als eine neue Generation von Künstlern die Bühne betrat, für die freilich der Treibstoff der alten noch immer erste Wahl war: Picassos „blaue Periode“ beginnt 1901 mit einer melancholischen „Absinthtrinkerin“ und 1914, sechs Monate nach seiner Bronzeskulptur „The Glass of Absinthe“, setzt in Frankreich die Prohibition ein. Picasso, der mit Alkohol, Haschisch und anderen Drogen stets Maß zu halten wußte, wurde in seinen ersten Jahren in Paris stark von Alfred Jarry beeinflußt, dessen Bühnenstück „Pere Ubu“ gerade das Theater revolutioniert hatte, in dem es das bloße Schauspiel in Konfrontation mit dem Publikum verwandelte. Für den Exzentriker Jarry, einen passionierten Radfahrer und Pistolenschützen, war Absinthe das „heilige Wasser“ schlechthin, die „Essenz des Lebens“, der er in gewaltigen Mengen zusprach: „Antialkoholiker sind Unglückliche in den Klauen des Wassers, dieses schrecklichen aggressiven Giftes, das von allen Substanzen zum Waschen und Putzen auserwählt wurde.“ Von solchem schwarzen Humor geprägt ist auch die absurdistische „Wissenschaft des Partikulären“, die er in seinem letzten Buch als „Pataphysik“ beschreibt. Als Pionier des Surrealismus und Situationismus, der Traum und Wirklichkeit, Realität und Unbewußtes – sowie Leben und Kunst - zusammenfließen läßt, sah Jarry in der einzigartigen Wirkung des Absinthes ein methodisches Werkzeug, die notwendige Dekomposition der Wahrnehmung zu erreichen – und eröffnet der Kunst und dem Denken eine Linie, die von Picasso, über Marcel Duchamp und John Cage bis zu Philosophen des heutigen Paris wie Jean Baudrillard reicht : „Der pataphysische Geist ist der Nagel im Reifen - die Welt ein stinkiger Riesenbovist.“ (…)
Mathias Broeckers,Chris Heidrich, Roger Liggenstorfer:
Nachtschatten-Verlag
2006,
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